Mitwisser gesucht

 

Im Jahr 2011 jährten sich zum zwanzigsten Mal die ausländerfeindlichen Übergriffe vom September 1991 in Hoyerswerda. Diese gingen als erstes Pogrom im wiedervereinigten Deutschland in die Geschichte ein und machten die Stadt für viele zu einem Synonym für Rechtsextremismus. Seitdem kämpfen Verwaltung, Politik und zahlreiche engagierte Vereine, Initiativen und Bürger gegen das Image als rechtsextreme Hochburg. Durch verschiedene Projekte ist in den vergangenen Jahren im Alltagsleben viel bewirkt worden.

 

Doch auch zukünftig müssen sich Bürgerinnen und Bürger aktiv mit rechtsextremistischen Aktivitäten auseinandersetzen und über Möglichkeiten des „kreativen Protests“ bzw. der zivilgesellschaftlichen Reaktion nachdenken. Das Jahr 2011 bietet uns die Chance, dazu beizutragen, dass die Stadt und die Einwohner sich ihrer Verantwortung für eine Stadt ohne Rassismus und Rechtsextremismus bewusst werden. Dabei setzen wir bewusst bei der Gruppe der Jugendlichen an. Sie haben die Geschehnisse vom Herbst 1991 nicht miterlebt und kennen diese nur aus Erzählungen oder den Medien. Da diese Ereignisse aber zur Geschichte ihrer Heimatstadt gehören, setzt sich das Projekt das Ziel, ihnen die geschichtlichen Zusammenhänge näherzubringen und sie anzuregen, sich kritisch und kreativ mit diesen auseinanderzusetzen. Dieser Prozess der aktiven und intensiven Auseinandersetzung mit den Geschehnissen von 1991 fehlt bisher in weiten Teilen der Bevölkerung.

 

Die intensive Beschäftigung mit dem Thema ermöglicht das Bewusstwerden von zentralen Werten unserer Gesellschaft, wie Toleranz, Pluralität, Gewaltlosigkeit u.a. Das Projekt nimmt dabei den großen Erfolg der Plakataktion „Hände gegen rechts“ im Zusammenhang mit dem Aufmarsch von Rechtsextremisten am 1. Mai 2010 in Hoyerswerda zum Anlass und entwickelt diese Art des kreativen Protestes gegen und die kontroverse Auseinandersetzung mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit weiter. So gelingt es uns, sowohl für die städtische Innen- als auch Außenwahrnehmung ein positives Zeichen zu setzen.

 

Im Rahmen des Projektes werden Schülerinnen und Schüler dazu aufrufen, sich kreativ und kontrovers mit den Geschehnissen vom Herbst 1991 sowie deren Hintergründen auseinanderzusetzen. In einem ersten Schritt werden an den Schulen der Stadt thematische Workshops angeboten. In diesen geht es zum einen darum, Wissen über Rechtsextremismus sowie den Herbst 1991 zu vermitteln, zum anderen aber auch um das Wecken der Motivation der Lernenden, sich mit diesen Themen intensiv zu beschäftigen. Um bei den Jugendlichen ein Bewusstsein für die Themen zu schaffen, sind die Workshops interaktiv angelegt und greifen auf Methoden aus der Spiel- und Theaterpädagogik und auf verschiedene Medien zurück. So wird neben einer in der Kulturfabrik Hoyerswerda inszenierten Theaterproduktion ein filmisches Feature (Augenzeugenberichte, Zusammenschnitt von Film- und Zeitungsberichten etc.) zum Einsatz kommen.

 

In der Folge werden an den Schulen im Rahmen der jeweiligen Ganztagskonzeptionen Arbeitsgemeinschaften oder GTA-Projekte eingerichtet, in denen sich Jugendliche auf freiwilliger Basis über das Schuljahr hinweg intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Die AG bzw. Projekte werden dabei zum einen durch Lehrende der jeweiligen Schulen betreut. Zum anderen bieten die Projektträger und weitere externe Projektpartner ihre Expertise im Bereich der politischen und kulturellen Bildung an, um die Jugendlichen bei der Umsetzung ihrer Ideen zu unterstützen. So ermöglicht das Projekt Schülerinnen und Schüler die Initiierung und Verwirklichung eigenständiger oder gemeinschaftlicher kreativer Projekte zum Thema, welche in einer Präsentationsmöglichkeit (z.B. Plakate, Collagen, szenische Darstellungen) münden.

 

Die zu betrachtenden Themenkomplexe sind dabei:

 

1. „Mittendrin“

Betrachtet man die Ereignisse vom Herbst 1991 in Hoyerswerda, stellt man schnell fest, dass es viele unterschiedliche Sichtweisen auf die Thematik gibt. Ein Polizist beispielsweise, der an diesen Tagen im Einsatz war, interpretiert die Vorfälle anders als die Gastarbeiter und Asylbewerber. Die Neonazis wiederum hatten andere Motive und Ziele als Beifall klatschende Anwohner. Die Stadtverwaltung ging nicht konform mit den Wünschen der Hoyerswerdaer Einwohner usw. Im Komplex „Mittendrin“ geht es um die Frage, welche Verantwortungen verschiedene Personen zu tragen hatten, wie sie sich in der jeweiligen Rolle gefühlt, welche Ängste sie angetrieben haben? Warum werden Bürger ausländerfeindlich und schließen sich nationalsozialistischen Gesinnungen an?

 

2. „Alles aufgebauscht“

1991 schrieb der Spiegel-Redakteur Matthias Matussek über Hoyerswerda: „Willkommen in den Neubauslums, willkommen in den zehn Wohnkomplexen mit ihren drei Kneipen und Schließfächern für 70 000 Menschen, wo die Kriminalitätsrate und die Selbstmorde einsame deutsche Spitze sind. Willkommen in einem bösartigen, hässlichen, dumpfen Alltag, der bösartige, hässliche, dumpfe Menschen stanzt.“ Ohne Zweifel eine überspitzte, triste Darstellung der Stadt. Wegen solcher Berichte wird im Zusammenhang mit dem Herbst 1991 oft auch eine Kritik der Medien und ihrer Berichterstattung laut. Hoyerswerdaer entgegnen auf die Frage nach den Ereignissen 1991 häufig, dass die Medien alles aufgebauscht hätten. Der zweite Themenkomplex hinterfragt daher explizit die Rolle der Medien im Herbst 1991 und in der Folge. Wie war die Berichterstattung? Inwiefern hat sie dem Image der Stadt Hoyerswerda geschadet? Haben sie konfliktverschärfend gewirkt? Oder gab es eine korrekte Wiedergabe der Ereignisse und nehmen die Medien nun die Funktion eines Sündenbocks ein?

 

3. „Vom Fremd-Sein“

Fremd sein in einem anderen Land, die Sprache nicht sprechen, die Menschen nicht verstehen – was bedeutet das? Und wie fühlt sich das an, wenn man nicht geduldet, sogar bedroht und verfolgt wird? Was bedeutet es, in Hoyerswerda fremd zu sein? Was bedeutete es für die Asylbewerber und Gastarbeiter, die 1991 hier lebten? Wie geht die Stadt heute mit Fremdem um? Wer ist eigentlich willkommen in Hoyerswerda? Und wie muss Hoyerswerda sein, damit man sich in der Stadt willkommen fühlt? Wie gut aufgenommen fühlen sich die Ausländer, die hier leben? Was wirkt bereichernd an fremder Kultur für Hoyerswerda, was eher abstoßend? Was und wie viel lassen wir an fremder Kultur zu? Wie gehen wir/ich mit fremden Kulturen um (z.B. der sorbischen)?

 

4. „Typisch Hoyerswerda“

In Hoyerswerda war nach dem Herbst 1991 nicht nur Verdrängung zu beobachten, sondern viele Vereine, Initiativen, Bürger, die Stadt machten sich daran, mit dem offensichtlichen rechtsextremistischen Problem der Stadt offensiv umzugehen. Bis heute wird in der Bundesrepublik aber zumeist noch das Image der „rechtsextremistischen Hochburg“ gesehen. Daher stellt sich im vierten Themenkomplex die Frage nach dem Ansehen der Stadt. Wie ist es um das Image der Stadt bestellt? Wie könnte man es verändern/verbessern? Gibt es den „typischen“ Hoyerswerdaer? Sind solche Ausschreitungen, wie sie im Herbst 1991 geschahen „typisch“ Hoyerswerda?