5. Juli 2012 

Psychische Störungen sollten im schulischen Kontext stärker berücksichtigt werden

 

Am 4. Juli war Dr. Ludwig Bilz, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden, auf Einladung der Koordinierungsstelle Bildung zu Gast in der Konrad-Zuse-Akademie. In seinem Vortrag, referierte er über eine Studie zur psychischen Gesundheit sächsischer Jugendlicher.


Etwa ein Fünftel aller Schüler leiden bis zu ihrem 18. Lebensjahr unter mindestens einer psychischen Störung; meistens sind dies Angststörungen und Depressionen. Diese Erkrankungen etablieren sich meist im Verborgenen, da betroffene Schüler sich zurückziehen, Aufmerksamkeit vermeiden und nur selten den Unterricht stören. Oft vermitteln sie sogar das Bild eines besonders angepassten Schülers. All diese Gründe führen dazu, dass die Erkrankungen in den häufigsten Fällen gar nicht wahrgenommen.


In seinem Referat machte Bilz deutlich, dass verschiedene Aspekte der schulischen Umwelt und der Unterrichtsgestaltung selbst mit dem Auftreten dieser Beschwerden in Verbindung stehen. Dies führt er auf den Umstand zurück, dass die Schule als einzige Sozialistationsinstanz Einfluss auf alle durch Kinder zu bewältigende Entwicklungsaufgaben nimmt. Insbesondere das Klassenklima hat einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung von Ängsten, Depressionen und anderen psychosomatischen Beschwerden. In erster Linie seien Mobbing-Erfahrungen, Überforderung und eine niedrige Unterrichtsqualität prägende Einflussfaktoren. Auslöser von Erkrankungen ist dann, neben einer entsprechenden Prädisposition, das Selbstkonzept eines Schülers in Hinblick auf seine sozialen und schulischen Kompetenzen.
Schlussfolgernd schlug Bilz u.a. die Ausweitung des Wissens von Lehrern über psychosomatische Erkrankungen sowie eine Verbesserung des Klassenklimas unter Einbeziehung von Schülern vor. Für die therapeutische Behandlung forderte er eine stärkere Einbeziehung schulischer Problemlagen – im Gegensatz zur gegenwärtigen Konzentration auf das familiäre Umfeld.


Für die Praxis an Schulen konnte Bilz den anwesenden Lehrern und Sozialarbeitern leider keine besonders positiven Erkenntnisse mit auf den Weg geben. So gebe es für die Präventionsarbeit im Bereich der psychischen Gesundheit von Schülern derzeit nur wenige und z.T. wenig wirksame Programme. Zudem musste festgestellt werden, dass im Freistaat Sachsen die Unterstützungssysteme für Schulen nur schwach ausgebildet sind. Auf 13.000 Schüler kommt ein Schulpsychologe. Und auch die Schulsozialarbeit hat in den vergangenen Jahren wieder deutlich an Bedeutung verloren – insbesondere im Landkreis Bautzen. Vor diesem Hintergrund erscheinen die erhöhten Ausgaben im Bereich der Heimerziehung und des betreuten Wohnens, welche der Landkreis kürzlich veranschlagte, wenig überraschend. Versagt Prävention, müssen „Korrekturmaßnahmen“ ergriffen werden, deren Kosten im Regelfall um ein Vielfaches höher liegen.


Die Vortragsreihe „Bildungsakteure stärken“ wird am 12. September mit einer Veranstaltung zum Übergang von der Kindertagesstätte zur Grundschule fortgesetzt. Zu Gast ist dann Frau Dr. Janine Brade von der TU Chemnitz. Interessierte melden sich für diese Veranstaltung bitte bis zum 29. August bei der Koordinierungsstelle Bildung an.